fuehrung

Selbstmitgefühl: Warum Härte gegen dich selbst kein Antrieb ist

Ein Mann sitzt allein an seinem Schreibtisch nach Feierabend, die Hände gefaltet, der Blick nachdenklich zur Seite gerichtet.
Visualisiert mit KI

TL;DR

In 30 Sekunden:

  • Selbstmitgefühl ist nicht Nachsicht. Es ist der wache, mitfühlende Blick auf einen eigenen Fehler, statt der verurteilende.
  • Kristin Neff definiert drei Bausteine: Freundlichkeit mit dir selbst, das Wissen, dass Scheitern menschlich ist, und die nüchterne Wahrnehmung des Moments, ohne ihn aufzublasen.
  • Wer nach einem Fehler hart mit sich ist, glaubt, das mache zuverlässiger. Die Forschung zeigt das Gegenteil.
  • Härte gegen dich selbst ist der fünfte Fluchtweg: eine Vermeidungsroute, die sich als Anspruch tarnt, aber vor dem Gefühl flieht, das der Fehler auslöst.
  • Selbstkritik aktiviert im Gehirn dieselben Schaltkreise wie eine Bedrohung von außen. Dein Körper behandelt den eigenen inneren Kritiker wie einen Angreifer.
  • Selbstmitgefühl ist nicht Selbstmitleid. Selbstmitleid isoliert dich in deinem Problem. Selbstmitgefühl verbindet dich mit allen, denen dasselbe schon passiert ist.
  • Wer sich selbst mit Mitgefühl begegnet, übernimmt danach mehr Verantwortung für den Fehler, nicht weniger. Das ist gemessen, nicht behauptet.

Ich habe einmal lange gebraucht, um eine Zusammenarbeit zu beenden, deren Ende mir längst klar war.

Nach meiner eigenen Ausbildung bin ich bei meinem damaligen Ausbilder als Trainer in seine Organisation eingestiegen. Ein Mann der alten Schule: Kaltakquise, Telefonverkauf, über 30 Jahre am Markt, in der Branche als Einzelperson anerkannt, für mich ein Vorbild. Mit der Zeit merkte ich, dass seine Methoden aus einer anderen Zeit kamen, während ich längst woanders hinwollte, dorthin, wo ich heute arbeite: Akquise über Sichtbarkeit statt über den Telefonhörer.

Ich wusste das. Und ich habe es trotzdem lange vor mir hergeschoben. Bei jedem halbjährlichen Treffen saß ich dabei, wenn über Lizenzen und die neuen Videos für die Website gesprochen wurde, die wir kurz zuvor gemeinsam gedreht hatten, und wusste längst, dass ich gehen will.

Der Grund für das Zögern war kein Zweifel am Weg. Der Grund war Schuld: Ich hatte für meine Ausbildung bezahlt, er hatte gerade in die Website investiert, und ich hatte das Gefühl, der Organisation etwas zu schulden.

Diese Selbstverurteilung hat mich nicht verantwortungsvoller gemacht. Sie hat mich blockiert. Es ging mir von Treffen zu Treffen schlechter, bis es sich körperlich zeigte: Mir war übel, mein ganzer Körper fühlte sich schlecht an.

Als ich ihn schließlich anrief und sagte, dass ich aufhöre, zerfaserte etwas in mir. Nach dem Auflegen kamen die Tränen. Erst eine halbe Stunde später kam etwas, das ich vorher nicht kannte: Erleichterung darüber, endlich das Richtige getan zu haben, das ich mir selbst lange nicht erlaubt hatte.

Was mich am längsten aufgehalten hat, war nicht der Zweifel an der Entscheidung. Es war das Urteil über mich selbst.

Du würdest mit keinem Mitarbeiter so reden wie mit dir selbst.

Der Ton in deinem Kopf nach einem Fehler wäre, käme er von außen, eine Abmahnung wert. Käme er von dir gegenüber jemand anderem, würdest du ihn nicht rechtfertigen. Du würdest ihn zurücknehmen.

Bei dir selbst nimmst du ihn nicht zurück. Du hältst ihn für Führung.

Kernsatz: Du würdest mit keinem Mitarbeiter so reden wie mit dir selbst. – Michael Katzmann

Was ist Selbstmitgefühl?

Selbstmitgefühl ist die Fähigkeit, dir nach einem Fehler oder Rückschlag mit derselben Freundlichkeit zu begegnen, die du einem guten Freund entgegenbringen würdest, statt mit Verurteilung. Es ist kein Gefühl, das einfach da ist oder fehlt. Es ist eine erlernbare Haltung gegenüber dir selbst, in dem Moment, in dem du sie am wenigsten für dich vorgesehen hättest.

Geprägt hat den Begriff die Psychologin Kristin Neff, Professorin für Psychologie an der University of Texas in Austin und Pionierin dieses Forschungsfelds. Sie hat Selbstmitgefühl aus einer Kombination von buddhistischer Praxis und westlicher Forschung heraus konzeptualisiert und dabei in drei Bausteine zerlegt, die zusammen wirken und einzeln wenig tragen.

Mitentwickelt hat das Feld der Psychologe Christopher Germer von der Harvard Medical School, mit dem Neff gemeinsam das MSC-Programm aufgebaut hat, kurz für Mindful Self-Compassion. Eine zweite, unabhängige Traditionslinie stammt vom britischen Psychologen Paul Gilbert. Seine Compassion Focused Therapy behandelt denselben Kern von einer anderen Seite: Menschen, deren inneres Fürsorgesystem nie trainiert wurde und die sich deshalb selbst nicht beruhigen können.

Der Rahmen ist jung, aber inzwischen gut untersucht. Eine Metaanalyse von Alison MacBeth und Andrew Gumley 2012 wertete 20 Stichproben aus 14 Studien aus und fand einen Zusammenhang von r = -0,54 zwischen Selbstmitgefühl und psychischer Belastung, einen der stärksten bekannten Zusammenhänge zwischen einer psychologischen Eigenschaft und dem Risiko für Depression, Angst und Stress. Was in Ratgebern oft als weiche Eigenschaft verkauft wird, ist in der Forschung ein Regulationssystem mit messbaren Effekten auf Verhalten, nicht nur auf Stimmung.

Die drei Säulen nach Kristin Neff

Selbstmitgefühl besteht aus drei Bausteinen: Selbstfreundlichkeit statt Selbstverurteilung, das Wissen um die gemeinsame Menschlichkeit statt Isolation, und Achtsamkeit statt Überidentifikation mit dem Gefühl. Neff hat dieses Modell 2003 vorgelegt und es ist seither der Referenzrahmen für die Erforschung des Selbstmitgefühls.

Selbstfreundlichkeit heißt, dir Wärme entgegenzubringen, wo du sonst reflexhaft urteilst. Der Fehler bleibt real, das ändert die Freundlichkeit nicht. Sie ändert nur, was danach mit ihm passiert.

Gemeinsame Menschlichkeit heißt, den Fehler als Teil dessen zu sehen, was Menschen widerfährt, statt als Beweis eines persönlichen Defekts. Der Satz dahinter lautet nicht „das ist okay”, sondern „das passiert Menschen”.

Achtsamkeit heißt, den Fehler wahrzunehmen, ohne ihn wegzudrücken und ohne in ihm zu versinken. Weder Verleugnung noch Grübeln. Die Größe des Ereignisses bleibt die Größe des Ereignisses.

Alle drei zusammen ergeben etwas anderes als die Summe. Wer nur freundlich ist, ohne die gemeinsame Menschlichkeit zu sehen, landet schnell bei Selbstmitleid. Dazu kommt der Abschnitt weiter unten.

Der fünfte Fluchtweg: Warum Härte sich wie Führung anfühlt

Härte gegen dich selbst ist keine Charakterfrage, sondern eine Vermeidungsroute. Sie tarnt sich als hoher Anspruch, funktioniert aber wie die vier anderen Fluchtwege dieser Seite: als Weg, das Gefühl nicht fühlen zu müssen, das der Fehler ausgelöst hat. Der Unterschied ist, dass sie sich nicht wie Flucht anfühlt. Sie fühlt sich wie Disziplin an.

Im Hub dieser Reihe stehen vier Fluchtwege: Wegdrücken, Wegdenken, Wegschieben, Wegperformen. Alle vier haben eines gemeinsam. Sie ersetzen das Fühlen durch eine Handlung, die sich sinnvoller anfühlt.

Harte Selbstkritik ist ein fünfter. Sie ersetzt das Gefühl nach dem Fehler (Scham, Enttäuschung, Angst vor Konsequenzen) durch etwas, das sich nach Handeln anfühlt: den inneren Anklage-Prozess.

Der Kopf ist beschäftigt. Das Gefühl bleibt unberührt.

Eine Person mauert konzentriert eine runde Ziegelmauer um sich herum. Durch eine schmale Lücke ist im Schatten dahinter eine kleine, unbeachtete Gestalt zu erkennen, die auf dem Boden wartet.
Die Mauer beschäftigt die Hände. Das Gefühl dahinter wartet unberührt.Visualisiert mit KI

Diese Funktion ist keine neue Beobachtung. Gilbert beschreibt in seiner funktionalen Analyse der Selbstkritik seit den frühen 2000er-Jahren genau diesen Mechanismus: Der Selbstangriff wirkt für das Nervensystem wie eine Sicherheitsstrategie des Bedrohungssystems, ein Weg, einer drohenden Gefahr zuvorzukommen, indem man sie sich selbst zufügt, bevor sie von außen kommt. Gilberts Modell erklärt das Warum der Flucht.

Dass sie mit den vier anderen Fluchtwegen dieser Reihe dasselbe konkrete Gefühl umgeht, das der Fehler ausgelöst hat, ist die eigene Zuspitzung dieses Textes.

Der Grund, warum diese Route so gut funktioniert, liegt auch im Körper. Eine bildgebende Studie von Olivia Longe und Kolleginnen zeigte 2010, dass Selbstkritik dieselben Hirnregionen aktiviert wie die Verarbeitung einer Bedrohung von außen. Selbstberuhigung dagegen aktiviert Systeme, die mit Fürsorge und Bindung zu tun haben.

Dein Nervensystem unterscheidet kaum zwischen einem Angriff von außen und deiner eigenen inneren Stimme nach einem Fehler. Es reagiert auf beides mit Alarm. Der Unterschied ist nur, dass du bei dieser Bedrohung nirgendwo hinlaufen kannst.

Was du mit dieser Alarmreaktion selbst tust, bevor irgendein Urteil dazukommt, ist noch mal ein eigenes Handwerk, Emotionsregulation. Selbstmitgefühl setzt einen Schritt später an: bei dem, was du dir über das Gefühl sagst, nicht beim Gefühl selbst.

Was die Forschung zeigt: mehr Verantwortung, nicht mehr Nachsicht

Wer sich nach einem Fehler mit Mitgefühl begegnet, übernimmt danach mehr Verantwortung dafür, nicht weniger. Der verbreitete Einwand, Selbstmitgefühl mache nachlässig, ist geprüft worden und hat sich nicht bestätigt. Das ist der Punkt, an dem ich selbst am längsten gebraucht habe, ihn zu prüfen.

Juliana Breines und Serena Chen ließen 2012 Versuchspersonen an eine eigene moralische Verfehlung aus der Vergangenheit denken. Eine Gruppe übte anschließend Selbstmitgefühl, eine Vergleichsgruppe Selbstwertsteigerung, eine dritte nichts. Nur die Selbstmitgefühl-Gruppe zeigte danach mehr Bereitschaft, Verantwortung für den eigenen Fehler zu übernehmen, und stärkere Motivation, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Härte hatte in derselben Versuchsanordnung den gegenteiligen Effekt. Wer sich selbst verurteilt, verbringt die Energie mit Rechtfertigen, Bagatellisieren oder Grübeln, nicht mit Verbessern.

Genau das ist mir mit meinem Ausbilder passiert. Die Selbstverurteilung, ich schulde ihm etwas, hat mich keinen Tag früher zum Telefon greifen lassen. Sie hat mich Monate gekostet, in denen ich wusste, was richtig war, und es trotzdem nicht getan habe.

Eine ähnliche Linie zeigt sich bei Misserfolgen im Leistungskontext. Neff, Hsieh und Dejitterat prüften 2005, wie Studierende mit einer schlechten Prüfungsleistung umgehen. Wer mehr Selbstmitgefühl mitbrachte, übernahm mehr persönliche Verantwortung für das Ergebnis und hatte dabei weniger Angst vor dem nächsten Versuch.

Die Logik dahinter ist einfacher, als sie klingt. Angst vor der eigenen Härte hält vom genauen Hinsehen ab, weil genaues Hinsehen den Vorwurf erst befeuert. Wer weiß, dass der Blick auf den Fehler nicht mit Verurteilung endet, kann ihn sich leisten.

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Selbstmitgefühl ist nicht Selbstmitleid

Selbstmitleid und Selbstmitgefühl fühlen sich am Anfang ähnlich an und trennen sich in der zweiten Bewegung. Selbstmitleid isoliert dich in deinem Problem. Selbstmitgefühl verbindet dich mit allen, denen etwas Vergleichbares schon passiert ist. Der Unterschied entscheidet, ob du danach handlungsfähig bist oder feststeckst.

Neff und Roos Vonk verglichen 2009 Selbstmitgefühl direkt mit dem klassischen Selbstwertgefühl und fanden einen entscheidenden Unterschied. Selbstwertgefühl schwankt mit der Leistung und braucht oft den Vergleich mit anderen, um sich stabil anzufühlen. Selbstmitgefühl bleibt stabiler, weil es nicht daran hängt, besser zu sein als jemand anderes.

Selbstmitleid dagegen ist in Neffs Modell etwas anderes: Es macht genau das Gegenteil von Verbindung. Der Satz dahinter lautet „mir passiert das, und das ist besonders ungerecht”. Er zieht eine Linie zwischen dir und allen anderen, bei denen es angeblich nicht so schlimm ist.

MerkmalSelbstmitleidSelbstmitgefühl
BlickrichtungNach innen, isoliertNach innen, verbunden
Innerer Satz„Ausgerechnet mir”„Das passiert Menschen”
Wirkung auf HandelnLähmt, hält im ProblemÖffnet für den nächsten Schritt
Nähe zu anderenDistanzVerbundenheit
Kontrast: Selbstmitleid isoliert dich im Problem, Selbstmitgefühl verbindet dich mit anderen und öffnet für den nächsten Schritt | Michael Katzmann

Es gibt noch eine dritte Verwechslung, in die entgegengesetzte Richtung. Wer den Fehler nicht anschaut, sondern wegredet, „wird schon wieder”, „halb so wild”, übt keine Achtsamkeit, sondern toxische Positivität.

Auch das ist kein Selbstmitgefühl. Es ist nur eine andere Art, dem Gefühl auszuweichen.

Der Einwand, den viele Führungskräfte an dieser Stelle im Kopf haben, lautet: Wird das nicht weich? Die Antwort liegt nicht in dieser Studie, sondern in der weiter oben zitierten Untersuchung von Breines und Chen: Weich war dort keine der Selbstmitgefühl-Gruppen. Weich war die Gruppe, die sich selbst verurteilt hat und danach in Rechtfertigung verharrte.

Das Paradox: vollkommen und trotzdem in Arbeit

Persönliche Entwicklung entsteht nicht aus dem Versuch, ein defektes Selbst zu reparieren, sondern aus der Annahme dessen, was gerade ist. Das ist kein Freibrief für Stillstand. Es ist die Bedingung, unter der Veränderung überhaupt beginnt. Das klingt nach einem Widerspruch, und genau darin liegt der Punkt.

Der Zen-Lehrer Shunryu Suzuki soll zu seiner Schülerin, der späteren Lehrerin Pema Chödrön, gesagt haben: „Du bist vollkommen, so wie du bist, und du kannst noch ein bisschen daran arbeiten.” Der Satz hält beide Hälften gleichzeitig, ohne dass eine die andere widerlegt.

In der Psychotherapie gibt es dafür einen eigenen Namen. Arnold Beisser beschrieb 1970 die Paradoxe Theorie der Veränderung: Veränderung passiert dann, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht zu werden, was er nicht ist. Wer gegen den eigenen Zustand ankämpft, verankert ihn eher, als ihn zu verändern.

Für den Umgang mit einem eigenen Fehler heißt das etwas sehr Konkretes. Der Fehler ist da. Er verschwindet nicht dadurch, dass du ihn dir vorwirfst.

Die Arbeit daran beginnt erst, wenn der Vorwurf aufhört, den ganzen Raum zu belegen.

Wenn du aufhörst, dich zu verteidigen

Ein großer Teil der Härte gegen dich selbst ist vorweggenommene Verteidigung. Du verurteilst dich, bevor es jemand anderes tun kann, und hoffst, dass dich das schützt. Der Verzicht auf diese Verteidigung ist unbequem und öffnet gleichzeitig den Weg zu echter Selbstsicherheit.

Das ist kein Trick. Es ist eine andere Grundannahme über das, was dich eigentlich schützt.

Dein innerer Kritiker handelt in diesem Bild nicht böswillig. Er hat nur gelernt, dass Angriff die einzige Verteidigung ist, die er kennt.

Der Coach Carl Rogers beschrieb das Konzept des Locus of Evaluation, des Ortes, an dem eine Bewertung stattfindet. Wer seinen Wert von außen ableitet, jagt jeder Meinung hinterher und muss sich gegen jede negative wehren. Wer ihn nach innen verlagert, braucht die Verteidigung nicht mehr in demselben Ausmaß.

Der Coach Joe Hudson formuliert eine radikalere Version davon. Solange du kämpfst, um von außen richtig gesehen zu werden, bestätigst du die unausgesprochene Angst, dass das Urteil vielleicht stimmt. Wer aufhört, sich zu verteidigen, ist gezwungen, die eigene Substanz anders zu finden.

Die Forscherin Brené Brown nennt die Fähigkeit, die eigene Erfahrung zu benennen und sich dabei selbst mit Mitgefühl zu begegnen, einen zentralen Baustein von Schamresilienz. Der Gegenangriff, ob nach außen oder nach innen gegen dich selbst gerichtet, unterbricht genau diesen Prozess, bevor er beginnen kann.

Drei Übungen für die kommende Woche

Diese drei Übungen wirken, weil sie im Moment selbst ansetzen, nicht im Rückblick am Abend oder am Wochenende. Jede lässt sich in unter einer Minute ausführen, nur die dritte braucht fünf, deshalb übersteht das Trio auch eine Woche, in der als Erstes jedes Ritual mit Vorlaufzeit ausfällt.

1. Der Kollegen-Satz.

Der nächste Fehler passiert dir vermutlich diese Woche, nicht in einem Jahr. In dem Moment, in dem der innere Vorwurf kommt, hältst du kurz inne, dieselbe Pause zwischen Reiz und Reaktion, die auch bei Impulskontrolle den Unterschied macht.

WANN: Direkt nach dem nächsten spürbaren Fehler. WAS: Frag dich, welchen Satz du deinem besten Mitarbeiter nach genau diesem Fehler sagen würdest. Sag dir denselben Satz, wörtlich. WIE LANGE: 10 Sekunden.

2. Die Hand auf der Brust.

Bevor der Kopf urteilt, reagiert der Körper. Diese Übung setzt dort an, wo die Selbstkritik zuerst spürbar wird.

WANN: In dem Moment, in dem du merkst, dass die innere Stimme scharf wird. WAS: Leg eine Hand auf deine Brust oder deinen Arm, für den Bruchteil einer Atmung. Kein Ritual, nur ein körperliches Signal, dass gerade kein Angriff nötig ist. WIE LANGE: Drei Atemzüge.

3. Das Menschlichkeits-Protokoll.

Am Ende der Woche schaust du zurück, statt jeden Fehler einzeln zu bewerten.

WANN: Freitagnachmittag, fünf Minuten vor Feierabend. WAS: Schreib einen Fehler der Woche auf und daneben einen Satz, der beginnt mit „Das passiert Menschen, weil…”. Kein Ausreden-Satz, ein Erklärungs-Satz. WIE LANGE: 5 Minuten.

Drei Übungen gegen Härte gegen sich selbst: der Kollegen-Satz nach dem nächsten Fehler als Schlüsselschritt, die Hand auf der Brust bei scharfer innerer Stimme und das Menschlichkeits-Protokoll am Freitagnachmittag

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Wie du mit deinem besten Mitarbeiter sprichst, ist kein Zufall. Es ist eine Übung, die du seit Jahren machst, nur nie an dir selbst.

Der Ton, den du dir nach dem nächsten Fehler entgegenbringst, ist keine Frage des Charakters. Es ist eine Entscheidung, die du in dem Moment triffst, in dem der erste Satz im Kopf auftaucht.

Du bist vollkommen, so wie du bist. Und du kannst noch ein bisschen daran arbeiten.


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Häufige Fragen zu Selbstmitgefühl

Was versteht man unter Selbstmitgefühl?

Selbstmitgefühl bedeutet, sich selbst nach einem Fehler oder Rückschlag mit Freundlichkeit statt mit Verurteilung zu begegnen. Es besteht aus drei Bausteinen: Selbstfreundlichkeit, dem Wissen um die gemeinsame Menschlichkeit und einer achtsamen, nicht übertriebenen Wahrnehmung des Moments. Es ist erlernbar, keine feste Charaktereigenschaft.

Welche drei Komponenten hat Selbstmitgefühl?

Nach Kristin Neffs Modell sind es Selbstfreundlichkeit statt Selbstverurteilung, gemeinsame Menschlichkeit statt Isolation, und Achtsamkeit statt Überidentifikation mit dem Gefühl. Alle drei wirken zusammen. Fehlt einer, kippt die Haltung leicht in Selbstmitleid oder Verdrängung.

Wie lerne ich Selbstmitgefühl?

Am schnellsten über konkrete Momente, nicht über Theorie. Frag dich nach dem nächsten Fehler, welchen Satz du einem geschätzten Kollegen sagen würdest, und sag ihn dir selbst, wörtlich. Wiederholung baut die Reaktion auf, nicht Einsicht allein, strukturierter geht es mit Neffs und Germers Übungsbuch zum MSC-Programm.

Welche Beispiele gibt es für Selbstmitgefühl?

Ein verpasster Termin, nach dem du dir sagst „das war ein Fehler, kein Beweis meiner Unfähigkeit”, statt in Selbstvorwürfen zu versinken. Eine misslungene Präsentation, nach der du fragst, was du beim nächsten Mal anders machst, statt den Abend mit Grübeln zu verbringen. Beides bleibt ehrlich zum Fehler, ohne ihn zur Anklage zu machen.

Ist Selbstmitgefühl nicht Schwäche?

Nein. Die Forschung zeigt das Gegenteil: Menschen, die sich nach einem Fehler mit Mitgefühl begegnen, übernehmen danach mehr Verantwortung dafür und sind motivierter, es besser zu machen, nicht weniger. Schwäche zeigte sich in denselben Studien bei der Gruppe, die sich selbst verurteilt hat.

Was ist der Unterschied zwischen Selbstmitgefühl und Selbstmitleid?

Selbstmitleid isoliert dich in deinem Problem, mit dem Grundton „ausgerechnet mir”. Selbstmitgefühl verbindet dich mit allen, denen Ähnliches passiert, mit dem Grundton „das passiert Menschen”. Der eine Zustand lähmt, der andere öffnet für den nächsten Schritt.

Weiterführende Quellen

Neff, K. D. (2003): Self-Compassion: An Alternative Conceptualization of a Healthy Attitude Toward Oneself. DOI 10.1080/15298860309032. Self and Identity 2(2), 85–101. Das Gründungsmodell der drei Komponenten.

Neff, K. D., Hsieh, Y. P. & Dejitterat, K. (2005): Self-compassion, achievement goals, and coping with academic failure. DOI 10.1080/13576500444000317. Self and Identity 4(3), 263–287. Selbstmitgefühl korreliert mit mehr Verantwortungsübernahme nach Misserfolg, nicht weniger.

Breines, J. G. & Chen, S. (2012): Self-compassion increases self-improvement motivation. PMID 22645164. Personality and Social Psychology Bulletin 38(9), 1133–1143. Experimentelle Studie zur Wirkung von Selbstmitgefühl auf Verantwortungsübernahme nach eigenem Fehlverhalten.

Longe, O. u. a. (2010): Having a word with yourself: neural correlates of self-criticism and self-reassurance. PMID 19770047. NeuroImage 49(2), 1849–1856. Bildgebende Studie zu den Hirnregionen bei Selbstkritik und Selbstberuhigung.

Neff, K. D. & Vonk, R. (2009): Self-compassion versus global self-esteem: two different ways of relating to oneself. PMID 19076996. Journal of Personality 77(1), 23–50.

MacBeth, A. & Gumley, A. (2012): Exploring compassion: a meta-analysis of the association between self-compassion and psychopathology. PMID 22796446. Clinical Psychology Review 32(6), 545–552.

Beisser, A. (1970): The Paradoxical Theory of Change. Volltext. In: Fagan, J. & Shepherd, I. L. (Hrsg.), Gestalt Therapy Now.

Dazu: Kristin Neff, Begründerin der Selbstmitgefühl-Forschung. Christopher Germer zum MSC-Programm. Paul Gilbert zur Compassion Focused Therapy. Carl Rogers zum Locus of Evaluation. Joe Hudson zum Verzicht auf Selbstverteidigung. Brené Brown zu Schamresilienz.

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