Selbstwirksamkeitserwartung nach Bandura_ Definition einfach erklärt

Selbstwirksamkeitserwartung: Was der Fachbegriff wirklich bedeutet – und warum er dein Handeln bestimmt

TL;DR

Auf einen Blick: Selbstwirksamkeitserwartung bezeichnet die Überzeugung einer Person, auch neue oder schwierige Anforderungssituationen aufgrund eigener Kompetenzen bewältigen zu können. Das Wort „Erwartung“ ist entscheidend — es geht nicht um tatsächliche Fähigkeiten und Kompetenzen, sondern um den Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Die Erwartungs-Falle entsteht, wenn du weißt, dass etwas helfen würde, aber nicht glaubst, dass du es umsetzen kannst. Diese Überzeugung ist veränderbar — durch konkrete Erfahrungen, in denen du trotzdem handelst.

Inhaltsverzeichnis

Thomas klappte seinen Kalender auf. Montag, 8:14 Uhr.

Er scrollte zum Mittwoch. Da stand es, wie jede Woche: „Gespräch mit L. — Erwartungen klären.“ Seit drei Wochen derselbe Eintrag. Dreimal verschoben. Jedes Mal mit einem Grund, der keiner war.

Lars flog seit Monaten unter dem Radar. Deadlines, die verschwanden. Stimmung im Team, die kippte. Zwei Kolleginnen hatten Thomas schon angesprochen.

Er wusste genau, was passieren müsste. Und er wusste, was dabei herauskommen würde — klarere Erwartungen, weniger Reibung, ein Team, das wieder atmen konnte.

Statt den Termin zu bestätigen, öffnete er seine E-Mails. Sortierte den Posteingang. Beantwortete drei Nachrichten, die noch hätten warten können. Schultern hochgezogen, Kiefer zusammengepresst.

Nicht weil er die Situation falsch einschätzte. Sondern weil eine Stimme in ihm flüsterte: Du wirst zu weich sein. Oder zu hart. Und dann ist es schlimmer als vorher.

Der Unterschied zwischen Thomas und jemandem, der den Termin bestätigt hätte, ist kein Unterschied in Kompetenz. Es ist ein Unterschied in einer einzigen Überzeugung — und diese Überzeugung hat in der Psychologie einen Namen.

Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung — von der Lerntheorie zum Führungsalltag

Der Psychologe Albert Bandura prägte den Begriff 1977 an der Stanford University. Im Rahmen seiner sozial-kognitiven Lerntheorie (Social Cognitive Theory) prägte er einen Begriff, der die Motivationspsychologie bis heute bestimmt: perceived self-efficacy — auf Deutsch: Selbstwirksamkeitserwartung.

Selbstwirksamkeitserwartung (kurz: SWE) bezeichnet die subjektive Überzeugung einer Person, die notwendigen Handlungen aufgrund eigener Kompetenzen erfolgreich ausführen zu können — besonders in neuen oder schwierigen Anforderungssituationen.

Das Wort klingt sperrig. Aber es enthält eine Unterscheidung, die fast immer übersprungen wird.

Im Alltag sagen die meisten einfach „Selbstwirksamkeit„. Das ist nicht falsch. Aber es verschleiert den wichtigsten Punkt.

Das Wort „Erwartung“ trägt die ganze Last. Es bedeutet: Das ist keine feste Eigenschaft. Keine Persönlichkeitsvariable, mit der du geboren wirst. Es ist eine Einschätzung. Eine Vorhersage, die dein Gehirn über dich selbst trifft — bevor du überhaupt gehandelt hast.

Bandura unterschied dabei zwischen zwei Begriffen, die im Lexikon der Psychologie oft verwechselt werden:

Kompetenzerwartung (Selbstwirksamkeitserwartung): „Ich kann das Gespräch führen.“

Ergebniserwartung: „Das Gespräch wird die Situation verbessern.“

Zwei verschiedene Überzeugungen. Unabhängig voneinander. Im englischen Sprachraum wird die Selbstwirksamkeitserwartung als „self-efficacy“ oder „perceived self-efficacy“ bezeichnet, die wahrgenommene eigene Kompetenz, nicht die tatsächliche. Es ist eine Kognition — keine objektive Messung.

Und diese wahrgenommene Kompetenz bestimmt, ob du handelst. Oder ob du den Termin auf nächste Woche verschiebst.

Die Erwartungs-Falle: „Du siehst das Ziel. Du siehst den Weg. Aber du traust dir den nächsten Schritt nicht zu.“

Die Erwartungs-Falle entsteht, wenn du weißt, dass etwas helfen würde — aber nicht glaubst, dass du es umsetzen kannst. Du steckst fest, weil dein Wissen über die Lösung größer ist als dein Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.

Bei Thomas sah das so aus: Ergebniserwartung hoch („Das Gespräch würde helfen“), Selbstwirksamkeitserwartung niedrig („Ich kann das Gespräch nicht gut genug führen“).

Das ist die Unterscheidung, die Bandura 1977 in seiner Theorie machte — und die im Alltag fast immer untergeht.

Du kannst die Ergebniserwartung haben, ohne die Selbstwirksamkeitserwartung. Genau das passierte bei Thomas. Er wusste, dass das Gespräch helfen würde. Er glaubte nur nicht, dass er es gut genug führen konnte.

Das Tückische: Von außen sieht es aus wie Zögern. Wie fehlende Entschlossenheit. Wie Prokrastination. Aber es ist keines davon.

Es ist ein Konflikt zwischen zwei Überzeugungen, die in entgegengesetzte Richtungen ziehen.

Warum sich die Falle selbst verriegelt

Dein Gehirn ist eine Vorhersagemaschine. Es trifft ständig Annahmen darüber, was als Nächstes passiert — und filtert dann die Realität so, dass die Annahme stimmt.

Wenn deine Selbstwirksamkeitserwartung niedrig ist, passiert Folgendes: Du gehst in eine schwierige Situation mit der Vorhersage „Das wird schiefgehen.“ Dein Gehirn sucht jetzt nach Bestätigung.

Ein Stirnrunzeln des Gegenübers — registriert. Ein zustimmendes Nicken — übersehen. Am Ende erinnerst du dich an drei Momente, in denen es hakte. Die fünf, in denen es lief, sind weg.

Bei Misserfolg neigen Menschen mit niedriger SWE dazu, das Ergebnis den eigenen Schwächen zuzuschreiben. Bei Erfolg dem Zufall. So bleibt die Überzeugung stabil — auch wenn sie längst nicht mehr zur Realität passt.

So wird die Erwartungs-Falle zur Drehtür. Du trittst ein mit der Überzeugung, nicht zu wirken. Du sammelst Belege dafür. Du trittst heraus mit einer noch niedrigeren Selbstwirksamkeitserwartung.

Drehtüren haben einen Ausgang. Und er liegt nicht im Denken, sondern im Handeln — weil eine einzige echte Erfahrung stärker ist als hundert Gedanken.

Warum Menschen mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung anders handeln

Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung unterscheiden sich nicht in ihren Fähigkeiten — sie unterscheiden sich in ihrem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Dieses Vertrauen verändert, wie sie denken, fühlen und handeln.

Bandura beschrieb in seiner Forschung ein klares Muster. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung:

  • Sehen schwierige Situationen eher als Herausforderung, nicht als Bedrohung
  • Zeigen mehr Anstrengung und Ausdauer bei Rückschlägen
  • Erholen sich schneller nach einem Misserfolg
  • Setzen sich anspruchsvollere Ziele und verfolgen sie konsequenter
  • Entwickeln optimistischere Bewältigungsstrategien (in der Psychologie: Coping)

Menschen mit niedriger Selbstwirksamkeitserwartung tendieren zur Vermeidung. Sie erleben Stress und Angst vor Anforderungssituationen, zweifeln an der eigenen Kompetenz — und interpretieren Schwierigkeiten als Beweis, dass sie es nicht schaffen.

Ein Beispiel: Zwei Führungskräfte stehen vor demselben Konfliktgespräch. Gleiche Erfahrung. Gleiches Wissen. Aber die eine geht rein mit dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten — und die andere mit dem Glauben, dass sie es vermasseln wird. Die Selbstwirksamkeitserwartung bestimmt nicht das Ergebnis. Aber sie bestimmt, ob das Gespräch überhaupt stattfindet.

Konkrete Beispiele aus dem Führungsalltag findest du hier →

Die vier Quellen – woher die Überzeugung kommt

Selbstwirksamkeitserwartung fällt nicht vom Himmel. Bandura identifizierte in seiner sozial-kognitiven Lerntheorie vier Quellen, die diese Überzeugung formen.

1. Eigene Erfolgserlebnisse (Mastery Experiences)

Die stärkste Quelle. Wenn du erlebst, dass dein Handeln wirkt — dass du eine schwierige Anforderungssituation eigener Kraft bewältigst — wächst die Überzeugung. Lernen durch eigene Erfahrung, nicht durch Theorie.

2. Stellvertretende Erfahrungen (Modelllernen)

Du beobachtest jemanden in deiner Peergroup — eine Kollegin, einen Mentor —, der eine vergleichbare Herausforderung meistert. Dein Gehirn denkt: Wenn sie das kann, kann ich das auch. Je ähnlicher die Person dir ist, desto stärker der Effekt.

3. Verbale Überzeugung (Social Persuasion)

Zuspruch von außen: „Du schaffst das.“ Wirkt, aber es ist die schwächste der vier Quellen. Worte ohne Erfahrung verpuffen.

4. Physiologische und emotionale Zustände

Dein Körper sendet Signale. Herzrasen, feuchte Hände, flacher Atem — dein Gehirn interpretiert diese physiologischen Reaktionen als Beweis: Du bist der Situation nicht gewachsen. Umgekehrt: Ruhiger Puls, aufrechte Haltung → höhere Selbstwirksamkeitserwartung.

Die vollständige Analyse der vier Quellen — inklusive warum Zuspruch die schwächste ist — findest du in Selbstwirksamkeit nach Bandura: Die 4 Quellen →

Wie Selbstwirksamkeitserwartung gemessen wird — die SWE-Skala

Wie misst man etwas so Subjektives wie eine Überzeugung?

Die Psychologen Ralf Schwarzer und Matthias Jerusalem entwickelten 1995 die Skala zur Allgemeinen Selbstwirksamkeitserwartung — das deutschsprachige Standardinstrument, kurz SWE. Veröffentlicht im Testverlag Hogrefe und mittlerweile in über 33 Sprachen validiert.

Die Skala besteht aus 10 Aussagen, die auf einer vierstufigen Antwortskala bewertet werden. Drei Beispiele:

  • „Wenn sich Widerstände auftun, finde ich Mittel und Wege, mich durchzusetzen.“
  • „Die Lösung schwieriger Probleme gelingt mir immer, wenn ich mich darum bemühe.“
  • „Auch bei überraschenden Ereignissen glaube ich, dass ich gut damit zurechtkommen werde.“

Schwarzer und Jerusalem unterschieden dabei zwischen der allgemeinen Selbstwirksamkeitserwartung, einem Grundvertrauen: „Im Großen und Ganzen komme ich zurecht“ — und der bereichsspezifischen Variante: „In dieser konkreten Situation traue ich mir das zu.“

Für die Praxis heißt das: Wenn du merkst, dass du in einem Bereich blockiert bist, liegt es nicht daran, dass du „generell unsicher“ bist. Es liegt daran, dass dein Gehirn in genau diesem Bereich eine niedrige Vorhersage über deine Wirksamkeit trifft.

Luszczynska, Gutiérrez-Doña und Schwarzer bestätigten 2005 in einer Studie über general self-efficacy in various domains of human functioning, dass sich die Selbstwirksamkeitserwartung je nach Lebensbereich deutlich unterscheiden kann — in Gesundheit, Beruf, Beziehungen. Ein Mensch kann im Meeting souverän auftreten und beim Feedbackgespräch scheitern.

Den vollständigen Fragebogen mit Auswertung findest du hier →

 

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Selbstwirksamkeitserwartung in Gesundheit und Psychologie — warum der Begriff weit über Führung hinausreicht

Selbstwirksamkeitserwartung taucht in der klinischen Psychologie und Gesundheitsforschung als messbare Variable immer wieder auf — in Bereichen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben.

Depression und Angststörungen

Eine niedrige Selbstwirksamkeitserwartung ist ein konsistenter Risikofaktor für Depressionen und Angststörungen. Wer nicht glaubt, schwierige Situationen bewältigen zu können, vermeidet sie — und Vermeidung nährt sowohl Angst als auch depressive Rückzugsmuster. Umgekehrt zeigt die Forschung: Dass sich die Selbstwirksamkeitserwartung gezielt stärken lässt, ist ein bewährter Hebel in der kognitiven Verhaltenstherapie.

Gesundheitsverhalten und Verhaltensänderung

Schwarzer entwickelte auf Basis der Selbstwirksamkeitserwartung das Health Action Process Approach (HAPA-Modell), eines der meistzitierten Modelle zur Erklärung von Verhaltensänderung in der Gesundheitspsychologie. Die Erkenntnis: Ob jemand mit dem Rauchen aufhört, regelmäßig Sport treibt oder sich gesünder ernährt, hängt weniger vom Wissen ab als von der Überzeugung, es auch durchhalten zu können.

Stressreaktionen und Bewältigung

Hohe Selbstwirksamkeitserwartung verändert, wie dein Körper auf Stress reagiert. Menschen mit hoher SWE zeigen geringere physiologische Stressreaktionen: weniger Cortisol, niedrigerer Blutdruck, schnellere Erholung. Ihre Bewältigungsstrategien sind lösungsorientiert statt vermeidend.

Chronische Erkrankungen und Wohlbefinden

Bei chronischen Erkrankungen ist die Selbstwirksamkeitserwartung ein stärkerer Prädiktor für Wohlbefinden als der objektive Gesundheitszustand. Wer glaubt, mit der Erkrankung umgehen zu können, berichtet höhere Lebensqualität — unabhängig vom medizinischen Befund.

Resilienz, Selbstwert und Suchtverhalten

Selbstwirksamkeitserwartung und Resilienz stärken sich gegenseitig. Dabei ist SWE nicht dasselbe wie Selbstwert — Selbstwert beschreibt, wie du dich als Person bewertest, SWE beschreibt, was du dir in konkreten Situationen zutraust. In der Suchtforschung zeigt sich: Die SWE ist einer der zuverlässigsten Prädiktoren für erfolgreiche Abstinenz. Nicht das Wissen über die Schädlichkeit verhindert einen Rückfall — sondern die Überzeugung, auch in Versuchungssituationen standhalten zu können.

Wie der Burnout-Puffer funktioniert →

Was die Forschung für Führungskräfte zeigt — und wo die Grenzen liegen

Korman, Van Quaquebeke und Tröster untersuchten 2021 insgesamt 580 Führungskräfte auf verschiedenen Hierarchiestufen. Ihre Frage: Warum brennen manche Manager aus und andere nicht?

Nicht Gehalt, nicht Position, nicht Teamgröße erklärte den Unterschied. Zwei Faktoren zusammen waren entscheidend: das Gefühl von Einfluss auf andere (Sense of Power) sowie die Selbstwirksamkeitserwartung.

Beide mussten hoch sein. Eines allein reichte nicht.

Wer Einfluss hatte, aber sich selbst nicht zutraute, diesen Einfluss sinnvoll einzusetzen, brannte genauso aus wie jemand ohne Einfluss. Macht ohne Selbstwirksamkeitserwartung ist eine leere Hülle.

Schwarzer und Kollegen bestätigten in Personality and Individual Differences (2005), dass eine hohe dispositionelle Selbstwirksamkeitserwartung als persönliche Ressource wirkt — als Puffer zwischen Belastung und Zusammenbruch. Nicht als Allheilmittel. Aber als Faktor, der den Unterschied macht, wenn es eng wird.

Grenzen:

SituationHilftHilft nicht
Du weißt was zu tun ist, traust dich aber nicht✓ SWE aufbauen gibt Handlungsmut 
Du hast Einfluss, aber zweifelst an dir✓ SWE schließt die Lücke zwischen Macht und Wirkung 
Du steckst in einer toxischen Struktur ✗ SWE ersetzt keine systemischen Veränderungen
Du brauchst fachliches Wissen und Kompetenz ✗ SWE ersetzt kein Lernen
Chronischer Stress mit körperlichen Symptomen ✗ SWE ersetzt keine professionelle Hilfe

Selbstwirksamkeit stärken als Führungskraft →

Coaching-Szene: Der Satz, den ich dreimal im Monat höre

Mittwochvormittag, 10 Uhr. Thomas sitzt vor dem Kalender. Derselbe Eintrag. Vierte Woche.

Als er das in unserem Coaching aussprach, wurde es still. Er saß da, die Hände um die Kaffeetasse, Blick nach unten, und sagte einen Satz, den ich so oder ähnlich dreimal im Monat höre:

„Ich weiß, dass es helfen würde. Ich glaube nur nicht, dass ich es hinbekomme.“

Dieser eine Satz beschreibt, was Psychologen als „Selbstwirksamkeitserwartung“ bezeichnen. Und er beschreibt, warum der Fachbegriff mehr ist als ein akademisches Etikett.

Ich frage: „Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte?“

Er überlegt. Nicht kurz.

„Dass ich zu weich bin. Dass Lars es nicht ernst nimmt. Und dass ich danach dastehe wie jemand, der seine Leute nicht im Griff hat.“

Ich schreibe nichts. Ich lehne mich zurück.

Was Thomas gerade beschrieben hat, sind keine Fakten. Es sind Vorhersagen. Sein Gehirn hat eine Geschichte darüber geschrieben, wie das Gespräch enden wird — bevor es begonnen hat. Und er glaubt dieser Geschichte mehr als seiner eigenen Handlungsfähigkeit.

„Du hast drei Szenarien genannt“, sage ich. „Alle enden damit, dass du versagst. Woher weißt du, dass das stimmt?“

Stille.

„Ich weiß es nicht. Aber es fühlt sich so an.“

„Genau das ist der Punkt. Du verwechselst deine Erwartung mit der Wirklichkeit.“

Bandura hat das 1977 beschrieben: Wer eine niedrige Selbstwirksamkeitserwartung hat, geht in Situationen mit einer Vorhersage hinein — und sammelt dann Belege dafür. Nicht weil die Situation es erzwingt. Sondern weil das Gehirn findet, wonach es sucht.

Das Gegenmittel ist nicht Zuspruch. Zuspruch verpufft.

Das Gegenmittel ist eine andere Erwartungshaltung — eine, die kein Scheitern kennt.

„Was wäre anders, wenn du das Gespräch nicht als Prüfung angehst — sondern als Experiment?“

Er sieht mich an. Nicht zustimmend. Fragend.

„Ein Experiment hat kein Scheitern. Es hat Daten. Du gehst rein, du beobachtest was passiert, du wertest aus. Das Ziel ist nicht: Lars reagiert perfekt. Das Ziel ist: Du erfährst, wie Lars reagiert — und was du daraus lernen kannst.“

Seine Hände lösen sich von der Tasse. Zum ersten Mal lehnt er sich zurück.

„Dann… dann kann es nicht schiefgehen. Dann liefert es nur Daten.“

Das war kein Aha-Moment aus einem Film. Es war ein Zentimeter. Aber ein Zentimeter in die richtige Richtung.

Monday-Morning-Moves

Drei Schritte, um deine Selbstwirksamkeitserwartung sichtbar zu machen. Sofort anwendbar. Kein Workshop-Format.

Die drei Fragen

Du sitzt am Schreibtisch. Morgens, bevor der Tag losgeht. Drei Aussagen, ehrlich beantwortet.

WANN: Morgen früh, vor dem ersten Meeting. WAS: Lies diese drei Sätze und bewerte sie für dich (trifft nicht zu / trifft kaum zu / trifft eher zu / trifft genau zu): „Wenn sich Widerstände auftun, finde ich Mittel und Wege.“ — „Die Lösung schwieriger Probleme gelingt mir, wenn ich mich darum bemühe.“ — „Auch bei Widerstand finde ich Mittel und Wege.“ (Diese drei Items stammen aus der Allgemeinen Selbstwirksamkeitsskala von Schwarzer & Jerusalem — dem wissenschaftlichen Standard-Instrument. Den vollständigen Fragebogen findest du hier →) WIE LANGE: 3 Minuten.

Die aufgeschobene Sache

Es gibt etwas, das du seit Tagen vor dir herschiebst. Du weißt es, während du diese Zeilen liest.

WANN: Diese Woche — ein Morgen deiner Wahl. WAS: Nicht die ganze Sache. Fünf Minuten davon. Nicht um fertig zu werden — um anzufangen. Nicht als Prüfung — als Experiment. WIE LANGE: 5 Minuten. Nicht mehr.

Abends: Was hat sich bewegt?

Zehn Sekunden. Eine Frage.

WANN: Heute Abend, bevor du das Handy weglegst. WAS: Frag dich: Hat mein Handeln heute etwas verändert? Die Antwort ist fast immer ja. WIE LANGE: 10 Sekunden.

Drei Wochen nach unserem Coaching saß Thomas wieder vor dem Kalender.

Diesmal schob er nicht. Nicht weil er plötzlich wusste, wie das Gespräch laufen würde. Sondern weil er etwas verstanden hatte: Die Frage war nie, ob er es perfekt macht. Die Frage war, ob er anfängt.

Er führte das Gespräch. Es lief nicht perfekt. Aber es lief. Und als er danach in seinem Büro saß, waren die Schultern tiefer. Der Kiefer locker. Die Hände nicht mehr um die Tasse geklammert, sondern flach auf dem Schreibtisch.

Nicht Stolz. Etwas Leiseres. Die Selbstwirksamkeitserwartung — ein kleines Stück gewachsen.

Selbstwirksamkeit ist kein Licht, das du findest. Sie ist der Funke, der entsteht, wenn du im Dunkeln trotzdem die Hand ausstreckst.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Selbstwirksamkeit und Selbstwirksamkeitserwartung?

Im Alltag werden beide Begriffe synonym verwendet. „Selbstwirksamkeitserwartung“ ist der präzise Fachbegriff aus der Psychologie — geprägt vom Psychologen Albert Bandura 1977 im Rahmen seiner sozial-kognitiven Lerntheorie. Das Wort „Erwartung“ betont: Es geht nicht um tatsächliche Fähigkeiten, sondern um die subjektive Überzeugung, handeln zu können. Im wissenschaftlichen Kontext und im Lexikon der Psychologie wird immer „Selbstwirksamkeitserwartung“ (englisch: self-efficacy) verwendet. Kurz: SWE.

Was bedeutet Ergebniserwartung — und warum ist sie etwas anderes als Kompetenzerwartung?

Ergebniserwartung ist die Überzeugung, dass eine Handlung zu einem bestimmten Ergebnis führt: „Wenn ich das Gespräch führe, wird die Lage besser.“ Kompetenzerwartung (Selbstwirksamkeitserwartung) ist die Überzeugung, dass du die Handlung ausführen kannst: „Ich kann das Gespräch so führen, dass es hilft.“ Beide sind unabhängig voneinander — und genau darin liegt die Erwartungs-Falle.

Ist Selbstwirksamkeitserwartung angeboren oder veränderbar?

Veränderbar. Kindheitserfahrungen und frühes Lernen prägen deine Grundüberzeugungen, aber die Selbstwirksamkeitserwartung ist keine feste Persönlichkeitseigenschaft. Sie schwankt kontextabhängig und lässt sich durch Erfahrungen, Coaching und gezieltes Training gestalten. Die stärkste Quelle sind eigene Erfolgserlebnisse — kleine Momente, in denen du erlebst: „Mein Handeln hat etwas bewirkt.“ Mehr zu den 4 Quellen nach Bandura →

Kann man Selbstwirksamkeitserwartung messen?

Ja. Die Skala zur Allgemeinen Selbstwirksamkeitserwartung von Schwarzer und Jerusalem ist das meistgenutzte deutschsprachige Instrument. 10 Items, in über 33 Sprachen validiert, publiziert bei Hogrefe. Sie misst das generalisierte Vertrauen in die eigene Bewältigungskompetenz. Zum vollständigen Fragebogen mit Auswertung →

Welche Rolle spielt Selbstwirksamkeitserwartung bei Depression und Angststörungen?

Eine niedrige Selbstwirksamkeitserwartung ist ein gut dokumentierter Risikofaktor für Depressionen und Angststörungen. Wer nicht glaubt, schwierige Situationen bewältigen zu können, zieht sich zurück — und Vermeidung verstärkt sowohl Angst als auch depressive Muster. Gleichzeitig ist die gezielte Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartung ein wirksamer Hebel in der Psychotherapie und Prävention.

Weiterführende Quellen

Bandura, Albert (1977): Self-efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 84(2), 191-215. PubMed | DOI: 10.1037/0033-295x.84.2.191Das Fundament der sozialkognitiven Lerntheorie: Warum deine Überzeugung dein Handeln bestimmt

Bandura, Albert (1997): Self-Efficacy: The Exercise of Control. W.H. Freeman, New York.Das Standardwerk: Perceived self-efficacy in allen Lebensbereichen — Gesundheit, Leistung, Motivation, Emotionsregulation

Schwarzer, Ralf & Jerusalem, Matthias (1995): Generalized Self-Efficacy Scale. In J. Weinman, S. Wright & M. Johnston (Eds.), Measures in health psychology (pp. 35-37). NFER-NELSON. Deutsche Skala (FU Berlin)Das deutschsprachige Standardinstrument zur Messung der allgemeinen Selbstwirksamkeitserwartung (SWE)

Jerusalem, Matthias & Schwarzer, Ralf (1999): Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen. Zeitschrift für Pädagogik, 44. Beiheft, 54-82. — SWE als Schlüsselkonzept für Lernen, Motivation und Leistung — der deutsche Standardtext

Luszczynska, Aleksandra; Gutiérrez-Doña, Benicio & Schwarzer, Ralf (2005): General self-efficacy in various domains of human functioning: Evidence from five countries. International Journal of Psychology, 40(2), 80-89. — Bereichsspezifische SWE in 5 Ländern — warum du im Meeting souverän sein kannst und beim Feedbackgespräch scheiterst

Schwarzer, Ralf (2008): Modeling Health Behavior Change: How to Predict and Modify the Adoption and Maintenance of Health Behaviors. Applied Psychology: An International Review, 57(1), 1-29. DOI: 10.1111/j.1464-0597.2007.00325.xSWE als Schlüsselvariable für Gesundheitsverhalten und Verhaltensänderung (HAPA-Modell)

Korman, Jennifer V.; Van Quaquebeke, Niels & Tröster, Christian (2021): Managers are Less Burned-Out at the Top: the Roles of Sense of Power and Self-Efficacy at Different Hierarchy Levels. Journal of Business and Psychology, 37, 151-171. DOI: 10.1007/s10869-021-09733-8Warum SWE + Sense of Power zusammen vor Burnout schützen (n=580 Manager)

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Autor: Michael Katzmann

Ich bin ein Trainer, Coach und Berater für Unternehmer*innen und Führungskräfte. Meine ersten beruflichen Erfahrungen habe ich bei der Siemens AG, der Deutschen Bank Luxembourg und der Dresdner Kleinwort Bank gesammelt. Später habe ich als Unternehmenssanierer für eine Private Equity Gesellschaft zwei Mittelständler erfolgreich saniert und ein Tech Start-up in Köln gegründet. Im Jahr 2018 habe ich eine Ausbildung zum Führungs- und Verkaufstrainer bei Günther Baudenbacher absolviert.

Meine Kunden schätzen meine Integrität, mein fundiertes Fachwissen und meine lösungsorientierten Ansätze im Coaching und Training. Ich arbeite nach den Standards der International Coaching Federation (ICF), der Organisation for Business Coaching (IOBC) und der European Coaching Association (ECA). Bei Fragen und Anregungen können Sie mich hier kontaktieren.

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