kommunikation

Umgang mit Kollegen, die man nicht mag: warum Abstand und Freundlichkeit dich beide den Abend kosten

Ein Mann im Strickpullover sitzt am Schreibtisch, die Kaffeetasse auf halbem Weg angehalten, und blickt auf einen Kalender am Bildschirm; der Moment, in dem man den Termin von morgen sieht
Visualisiert mit KI

TL;DR

In 30 Sekunden:

  • Wer einen Kollegen nicht mag, geht ihm meist aus dem Weg oder spielt eine Freundlichkeit, die er nicht empfindet. In einer Tagebuchstudie über zehn Arbeitstage hingen beide Strategien mit Erschöpfung am Abend zusammen.
  • Ausweichen fühlt sich wie Schonung an, ist aber keine. Wer nach einem Ärger mit einem Kollegen am nächsten Tag auswich, war an diesem Abend erschöpfter. Über den Umweg kostete der Ärger von gestern auch heute noch Kraft.
  • Es gibt einen dritten Weg, den Respekt-Scan. Er ändert weder dein Verhalten noch deine Miene. Er setzt vorher an, bei deinem Blick auf die Person.
  • So geht er: Vor dem nächsten Termin schreibst du fünf Dinge auf, die du an der Person respektierst. Mögen musst du sie dafür nicht. Im Gespräch sagst du nichts davon.
  • Die Übung wirkt nur mit echten Beobachtungen. „Immerhin ist sie pünktlich, wenn sie sonst schon so nervt” zählt nicht, weil der Ärger im Satz mitschwingt. „Sie war am Dienstag um 7:50 da, obwohl die Bahn ausgefallen war” zählt.
  • Warum eine einzige Person so viel Raum einnimmt: Die Forschung vermutet, dass negative Arbeitsbeziehungen schwerer wiegen als positive. Gemessen ist das nicht.
  • Dein Ausweichen trifft auch andere. Wer eine unhöfliche Begegnung abbekommt, ist am selben Tag eher selbst unhöflich, und zwar zu Unbeteiligten, nicht zum Verursacher.
  • Aus eigener Erfahrung: Die Person wurde nicht netter. Verändert hat sich, wie entspannt ich in die Gespräche ging.
  • Die Grenze: Die Übung hilft bei Antipathie. Bei Mobbing hilft sie nicht, dort brauchst du Dokumentation und eine zuständige Stelle.

Der Termin steht seit Wochen im Kalender. Dienstag, zehn Uhr, Projektabgleich. Darunter ein Name, bei dem sich etwas in dir zusammenzieht, bevor du weißt, warum.

Du hast nichts gegen ihn. Nichts jedenfalls, das du laut sagen könntest, ohne kleinlich zu klingen.

Er redet zu lang. Er sagt „grundsätzlich” in jedem zweiten Satz. Er hört Sätze nicht zu Ende, weil er schon weiß, wie sie ausgehen.

Nichts davon ist ein Grund für ein Gespräch mit der Personalabteilung. Es reicht aber, dass du am Montagabend schon an den Dienstag denkst.

Also machst du das, was jeder kennt und was zutiefst menschlich ist. Du gehst der Person aus dem Weg, wo du kannst. Und wo du nicht kannst, setzt du eine freundliche Maske auf.

Beide Wege kosten dich den Abend. Das ist inzwischen gemessen.


Warum die üblichen Ratschläge für den Umgang mit Kollegen, die man nicht mag, nicht funktionieren

Wer bei Google nach diesem Thema sucht, findet in den Ratgebern auf den vorderen Plätzen fast durchgehend dieselbe Empfehlung: professionelle Distanz wahren, sachlich bleiben, auf die Aufgabe konzentrieren. In den Foren klingt es direkter: den Kollegen einfach ignorieren. Der zweite naheliegende Weg braucht keinen Ratgeber, weil ihn jeder kennt: freundlich tun, obwohl dir nicht danach ist. Beide sind Formen von Aufwand, den du allein trägst. Du änderst entweder, wo du bist, oder du zeigst ein Gefühl, das du nicht hast. Eine Tagebuchstudie fand beide Wege mit Erschöpfung am Abend verbunden.

Hadar Nesher Shoshan, Theresa Koch und Wilken Wehrt haben 2024 untersucht, was Beschäftigte im Umgang mit Kollegen tatsächlich tun. Die Forschung zur Emotionsarbeit kannte bis dahin vor allem zwei Strategien, beide aus dem Dienstleistungskontext: das Oberflächenhandeln, bei dem du ein Gefühl zeigst, das du nicht hast, und das Tiefenhandeln, bei dem du versuchst, das Gefühl in dir herzustellen.

Unter Kollegen gibt es eine dritte. Sie heißt Interaktionsvermeidung, und sie ist so unauffällig, dass sie lange niemand gezählt hat.

Interaktionsvermeidung unter Kollegen, das Warten vor der Teeküche, bis die andere Person wieder draußen ist
Vermeiden ist auch eine Begegnung. Nur eine, die den ganzen Vormittag dauert.Visualisiert mit KI

146 Beschäftigte führten zehn Arbeitstage lang Tagebuch, insgesamt 986 Tage. Das Muster war deutlich: Wer an einem Tag eine negative Erfahrung mit einem Kollegen machte, ging ihm am nächsten Tag eher aus dem Weg.

Bis hierhin klingt das nach einer vernünftigen Selbstregulierung. Der zweite Befund ist der interessante.

Die Vermeidung hing mit Erschöpfung am Abend zusammen. Und sie vermittelte den Zusammenhang zwischen der negativen Erfahrung und der Erschöpfung am nächsten Tag. Auf gut Deutsch: Das Ausweichen hat die Leute nicht geschont. Wer nach einem Ärger mit einem Kollegen am nächsten Tag auswich, war an diesem Abend erschöpfter, und der Weg vom Ärger zur Erschöpfung lief über das Ausweichen. Über den Umweg kostete der Ärger von gestern auch heute noch Kraft.

Das Oberflächenhandeln übrigens auch. Wer sich verstellte, war abends ebenfalls erschöpfter.

Zur Einordnung gehört die Grenze der Methode: Das sind Zusammenhänge über Tage hinweg, kein Nachweis einer Ursache. Aber es sind Menschen in ihrem echten Arbeitsalltag, nicht im Labor, und die Richtung ist über 986 Tage stabil genug, um sie ernst zu nehmen.

Für den Dienstag um zehn heißt das: Du hast nicht die Wahl zwischen einer anstrengenden und einer entspannten Variante. Du hast die Wahl zwischen zwei Varianten, die du beide bezahlst.

Drei Strategien gegenüber Kollegen, zwei davon enden am Abend in Erschöpfung

Der Respekt-Scan: was du änderst, wenn du den Kollegen nicht ändern kannst

Der Respekt-Scan ist eine Wahrnehmungsübung. Bevor du das nächste Mal mit einem Kollegen sprichst, den du nicht magst, suchst du fünf Dinge, die du an ihm respektierst, und schreibst sie auf. Nicht magst. Respektierst. Im Gespräch sagst du nichts davon.

Ich habe die Übung vor vielen Jahren gelernt, an einer Person angewendet, um die ich bis dahin einen Bogen gemacht habe, und sie steht heute im ersten Kapitel meines nächsten Buches. Von wem sie stammt und wie das ausgegangen ist, steht weiter unten.

Ausweichen verändert, was du tust. Die Fassade verändert, was du zeigst. Beides sind Eingriffe am Ausgang, und beide musst du in jedem einzelnen Gespräch neu leisten.

Der Respekt-Scan verändert, was du siehst. Das ist ein Eingriff am Eingang, und du machst ihn einmal, bevor das Gespräch anfängt. Die Forschung zur Emotionsregulation kennt diesen Unterschied gut: Je später du ansetzt, desto teurer wird es.

Ein früherer Chef von mir hat mir eine Sprichwortkette so oft vorgesagt, dass er mich nachts um drei hätte wecken können und ich sie ohne zu zögern aufgesagt hätte: Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal. Die Übung setzt am Anfang dieser Kette an, nicht am Ende.

Und der Name ist wörtlich gemeint. Ein Scan ist kein Gefühl, auf das du wartest. Es ist ein systematisches Absuchen, das du auch an einem schlechten Tag durchführen kannst.

Warum ausgerechnet die Person, die dich nervt? Freundlich zu Menschen zu sein, die man mag, ist keine Leistung. Was du im Umgang mit schwierigen Kollegen wirklich kannst, zeigt sich dort, wo es schwerfällt.

Montags-Impuls

Die Person ändert sich nicht. Dein Blick auf sie schon.

Jeden Montag schicke ich einen Impuls zu genau solchen Situationen: der Kollege, dem du ausweichst, das Gespräch, das du vor dir herschiebst, der Satz, der dir erst auf dem Flur einfällt. Drei Minuten Lesezeit, kein Newsletter über Newsletter.

Ich will den Montags-Impuls →

Was der Respekt-Scan nicht ist

Der Respekt-Scan ist kein positives Denken und keine toxische Positivität, die dir Ärger verbietet. Du suchst nicht das Gute im Menschen, du suchst überprüfbare Beobachtungen. Der häufigste Fehler ist deshalb nicht, dass jemand nichts findet. Der häufigste Fehler ist, dass die Genervtheit im Satz stehen bleibt.

So sieht das aus:

  • Nicht: „Ist ja schön, dass sie wenigstens pünktlich ist, wenn sie schon sonst so nervt.”
  • Sondern: „Sie war letzten Dienstag um 7:50 da, obwohl die Bahn ausgefallen war. Ich konnte mich darauf verlassen.”

Der erste Satz sieht aus wie Respekt und ist eine Abwertung mit Höflichkeitsanstrich. Der zweite beschreibt etwas, das du gesehen hast.

Und hier schließt sich der Kreis zur Studie.

Der erste Satz ist Oberflächenhandeln in Schriftform. Du führst Respekt auf, den du nicht hast, diesmal nur vor dir selbst. Das kostet dieselbe Energie wie die Fassade im Gespräch und verändert genau nichts.

Wer schon einmal versucht hat, sich den ganzen Tag zusammenzureißen, kennt diese Rechnung.

Der zweite Satz kostet nichts, weil er nichts behauptet. Er zählt auf, was war.

Der häufigste Fehler beim Respekt-Scan, die Genervtheit bleibt im Satz stehen

Fünf Beispiele für Sätze, die in einen Respekt-Scan gehören, weil sie beschreiben statt bewerten:

  • „Er hat in der Sitzung am Donnerstag den Fehler auf seine Kappe genommen, obwohl das halbe Team daran beteiligt war.”
  • „Sie liefert seit drei Jahren vor dem Stichtag. Ich musste noch nie nachfragen.”
  • „Er hat als Einziger nachgefragt, als die neue Regelung vorgestellt wurde. Alle anderen haben geschwiegen, ich auch.”
  • „Sie hat die Abteilung im letzten Winter sechs Wochen allein getragen und nie darüber geredet.”
  • „Er ruft die Kunden zurück, die niemand zurückrufen will.”

Jeder dieser Sätze nennt eine Situation und einen Zeitpunkt. Das ist kein Stilmittel. Es ist der Unterschied zwischen etwas, das du gesehen hast, und etwas, das du dir zurechtlegst.

Schreib sie auf. Nicht im Kopf, das zählt nicht. Eine Handy-Notiz reicht.

Dann geh ins Gespräch und sag nichts davon. Beobachte nur, was passiert.

Dieser letzte Punkt ist der Grund, warum die Übung überhaupt funktioniert. Du verhältst dich nicht anders, du spielst nichts, du musst nichts durchhalten. Die Arbeit passiert vorher, nicht im Gespräch.


Warum ein Kollege, den du nicht magst, mehr Platz einnimmt als mehrere, die du magst

Negative Arbeitsbeziehungen wiegen schwerer als positive. So jedenfalls lautet der Vorschlag, den Giuseppe Labianca und Daniel Brass 2006 gemacht haben. Sie prägten dafür das Bild vom sozialen Hauptbuch: Wir führen über unsere Arbeitsbeziehungen Buch, und in dieser Buchführung stehen die negativen Einträge in größerer Schrift. Deshalb frisst eine Person deinen Dienstag, während die angenehmen Kollegen geräuschlos bleiben.

Das Wort Vorschlag steht da mit Absicht. Es ist ein theoretischer Beitrag aus der Forschung zur negativen Asymmetrie, keine Messung: Die beiden Autoren argumentieren, dass negative Beziehungen mehr Erklärungskraft für das haben, was im Betrieb passiert, als positive. Eine Zahl, wie viele angenehme Kollegen einen unangenehmen aufwiegen, gibt es nicht.

Trotzdem ist es eine Erleichterung, das zu wissen. Wenn eine einzelne Person unverhältnismäßig viel Raum in deinem Kopf einnimmt, liegt das nicht daran, dass du nachtragend bist. Es ist die normale Arithmetik von Arbeitsbeziehungen.

Praktisch heißt das: Die Rechnung geht nicht auf, wenn du gegenrechnest. „Ich habe doch so nette Kolleginnen” hat noch nie gegen den einen geholfen, den du nicht magst. Der eine steht in einer anderen Spalte.


Wo Antipathie aufhört und etwas anderes anfängt

Antipathie und Übergriffigkeit sind nicht dasselbe, und die Forschung führt sie getrennt. Soojung Han und Kolleginnen haben 2021 zwanzig Jahre Forschung zu Unhöflichkeit am Arbeitsplatz zusammengefasst, 253 unabhängige Stichproben aus 219 Einzelstudien. Sie grenzen diese niedrigschwellige Form ausdrücklich gegen intensivere ab: Mobbing, herabwürdigende Führung, Belästigung.

Diese Grenze ist für dich wichtiger als jede Übung in diesem Artikel.

Der Respekt-Scan gehört auf die eine Seite. Er ist ein Werkzeug für die Zone, in der dich jemand nervt, in der ihr euch nicht riechen könnt, in der eine Zusammenarbeit trotzdem stattfinden muss.

Er ist kein Werkzeug gegen Mobbing. Wenn dir jemand systematisch und wiederholt schadet, ist die Antwort keine bessere Wahrnehmung. Die Antwort heißt Selbstschutz: schriftlich festhalten, was passiert, und jemanden einbeziehen, der zuständig ist: Vorgesetzte, Betriebs- oder Personalrat, im Zweifel eine Stelle außerhalb deiner Abteilung.

Ich schreibe das so deutlich, weil die Verwechslung teuer ist. Eine Wahrnehmungsübung auf eine Situation anzuwenden, die Schutz erfordert, verlängert nur die Zeit, in der du dir die Schuld gibst.

Grenzen:

SituationRespekt-Scan hilftHilft nicht
Der Kollege redet zu lang, unterbricht, geht dir auf die Nerven✓
Ihr seid fachlich uneinig, und es wird langsam persönlich✓
Du gehst ihm seit Monaten aus dem Weg und merkst, dass es dich Kraft kostet✓
Jemand schadet dir gezielt und wiederholt✗
Herabwürdigung vor dem Team, Ausschluss, Gerüchte✗
Übergriffe, Diskriminierung, Belästigung✗

Bei den unteren drei Zeilen geht es nicht mehr um Haltung. Da geht es um Grenzen, und die setzt man anders. Wenn es eskaliert, setzt man sie nicht allein.


Ich war jahrelang der, der auswich

Vor einem halben Arbeitsleben, lange bevor ich andere Menschen in ihrer Kommunikation begleitet habe, arbeitete ich in einem Unternehmen mit einer Abteilung, an der ich nicht vorbeikam. Ich musste dort regelmäßig hin. Ich wollte es jedes Mal nicht.

Eine Person dort galt als streng und unnahbar, und das war keine Einzelmeinung. Es dachten alle so, und genau das war bequem für mich. Wenn alle es so sehen, muss ich mir über meinen eigenen Anteil keine Gedanken machen.

Mein Körper fing schon auf dem Weg dorthin an, sich zusammenzuziehen. Vor der Tür war ich fertig mit dem Gespräch, bevor es angefangen hatte.

Drinnen habe ich dann gemacht, was ich für Professionalität hielt. Kurz angebunden. Nur das Nötigste. Rein, Sache klären, raus.

Heute weiß ich, wie das heißt. Ich habe vermieden, was sich nicht vermeiden ließ, und für den Rest eine Fassade aufgesetzt. Beides gleichzeitig, jahrelang, bei jedem einzelnen Termin.

Den Respekt-Scan habe ich nicht erfunden. Ich habe ihn in dieser Zeit von einem Führungskräftetrainer gelernt, der später mein Ausbilder wurde. Und ich habe ihn natürlich sofort an der schwierigsten Person ausprobiert, die mir einfiel.

Was danach passierte, ist der Grund, warum die Übung in diesem Artikel steht.

Sie wurde nicht netter. Die passiv-aggressive Stimmung blieb, die Strenge blieb, das Unnahbare blieb. An ihr hat sich überhaupt nichts geändert.

Verändert hat sich, wie ich in den Raum gegangen bin. Ich war entspannter, bevor ich die Tür aufmachte. Die Spitzen kamen weiter, aber sie trafen anders auf, und ich konnte sie mit einer Leichtigkeit nehmen, die vorher nicht da war.

Das ist der ganze Mechanismus, und er ist unspektakulärer, als man es sich wünschen würde. Du bekommst keinen angenehmeren Kollegen. Du bekommst deinen eigenen Zustand zurück.

Derselbe Weg zur selben Tür, einmal angespannt und einmal gelöst
Die Arbeit war erledigt, bevor ich die Klinke anfasste.Visualisiert mit KI

Warum dein Ausweichen nicht zwischen euch beiden bleibt

Ausweichen bleibt nicht zwischen euch beiden, weil schlechte Begegnungen weitergereicht werden. Christopher Rosen und Kollegen haben 2016 zwei Arbeitswochen lang mehrmals täglich gemessen, was nach einer unhöflichen Begegnung passiert. Wer am Vormittag eine abbekam, teilte am Nachmittag selbst eher aus. Nicht gegen den Verursacher. Gegen die Nächstbesten.

Zur Genauigkeit gehört, was die Studie nicht zeigt: Warum das passiert, ist umstritten. Die Autoren erklären es über nachlassende Selbstkontrolle, und diese Erklärung steht in der Psychologie seit Jahren unter Beschuss. Gemessen ist die Kette, nicht ihr Motor.

Das ist der Teil meiner eigenen Geschichte, den ich am längsten nicht gesehen habe.

Ich war auf dem Weg dorthin angespannt und drinnen kurz angebunden. Aus meiner Sicht war das Professionalität. Aus der Sicht des Raums war es etwas anderes: knapp, abweisend, ohne erkennbaren Grund.

Ich hatte mich die ganze Zeit für den Empfänger gehalten.

Lynne Andersson und Christine Pearson haben diese Kette 1999 die Unhöflichkeitsspirale genannt: kleine Unfreundlichkeiten, bei denen niemand sicher sagen kann, ob sie so gemeint waren. Weil das offen bleibt, wird aus einem möglichen Missverständnis schnell eine unterstellte Absicht, und der Empfänger zahlt mit gleicher Münze zurück. Die Gegenseite antwortet ebenso, und die Unfreundlichkeit schaukelt sich hoch. Es ist dieselbe Forschungslinie, aus der weiter oben die Grenze zum Mobbing kommt. Die Spirale selbst ist ein Konzept, kein Messergebnis. Gemessen wurde sie erst in den Studien, die darauf aufbauen.

Die Unhöflichkeitsspirale, die Rechnung geht nicht an den Verursacher zurück

Damit ist die Frage beantwortet, die an dieser Stelle fast jeder stellt. Warum soll ich die Arbeit machen, wenn mein Gegenüber der Unangenehme ist?

Weil er die Rechnung nicht bekommt. Von deinem Umweg merkt er wenig. Es merken die Leute, mit denen du gern arbeitest: im Meeting um drei, in der Mail um halb fünf. So entsteht schlechte Stimmung im Team, ohne dass einer sagen könnte, wo sie angefangen hat.

Das ist kein Aufruf, netter zu sein. Freundlichkeit war ja gerade der zweite teure Weg. Es ist der Grund, warum der Respekt-Scan vor dem Gespräch stattfindet und nicht darin: Er unterbricht die Kette an der einzigen Stelle, an der sie noch dir gehört.


Monday-Morning-Moves

Drei Übungen. Sofort anwendbar. Kein Workshop-Format.

Die fünf Zeilen.

Du sitzt im Büro, der Termin mit ihm ist in einer Stunde. Statt die Unterlagen noch einmal durchzugehen, die du längst kennst, machst du die Notizen-App auf.

WANN: eine Stunde vor dem nächsten Termin mit der Person. WAS: fünf Dinge aufschreiben, die du an ihr respektierst, jedes mit einer Situation, die du gesehen hast. WIE LANGE: fünf Minuten. Wenn du bei drei hängenbleibst, bleib bei drei sitzen, statt zu schummeln.

Der Test auf Höflichkeitsanstrich.

Du liest deine fünf Zeilen noch einmal und suchst nach vier Wörtern: wenigstens, immerhin, trotzdem, auch wenn.

WANN: direkt nachdem du die fünf Zeilen geschrieben hast. WAS: jede Zeile streichen, in der eines dieser Wörter steht, und sie ohne das Wort neu schreiben. WIE LANGE: zwei Minuten. Eine ehrliche Zeile ist mehr wert als fünf höfliche.

Ein Umweg weniger.

Du kennst deine Umwege. Die Küche, in die du erst gehst, wenn er wieder raus ist. Die Mail, die du schreibst, obwohl er zwei Türen weiter sitzt.

WANN: an einem Tag, an dem du ausgeruht bist, nicht an einem schlechten. WAS: einen einzigen Umweg nicht gehen. Zwei Türen weiter, eine Sachfrage, wieder zurück. WIE LANGE: so kurz wie möglich. Es geht nicht um ein Gespräch, es geht darum, die Vermeidung einmal zu unterbrechen.

Ein Umweg weniger, zwei Türen weiter mit einer Sachfrage statt einer Mail
Eine Sachfrage, zwei Türen weiter. Mehr braucht es nicht, damit die Kette eine Lücke bekommt.Visualisiert mit KI

Was du dabei übst, ist keine Technik für dieses eine Gespräch. Es ist die Fähigkeit, selbstbewusst zu kommunizieren, ohne dich dafür verstellen zu müssen. Wer das systematisch aufbauen will, statt es sich einzeln zusammenzusuchen, findet es in meinem Kommunikationstraining.

Jeden Montag

Ein Impuls zu den Gesprächen, die man vor sich herschiebt. Drei Minuten, kostenlos.

Zum Montags-Impuls →

Häufige Fragen zum Umgang mit Kollegen, die man nicht mag

Wie gehe ich mit einem Kollegen um, den ich nicht mag?

Nicht über das Verhalten, sondern über die Wahrnehmung. Such vor dem nächsten Gespräch fünf Dinge, die du an der Person respektierst, und schreib sie auf. Sag im Gespräch nichts davon und verhalte dich nicht anders. Du änderst nicht, was du zeigst, sondern was du siehst.

Muss ich meine Kollegen mögen, um gut mit ihnen zu arbeiten?

Nein. Sympathie und Zusammenarbeit sind zwei verschiedene Dinge, so wie Beziehungsebene und Sachebene in jedem Gespräch zwei Ebenen sind, und nur eines davon kannst du beeinflussen. Respekt ist keine abgeschwächte Form von Zuneigung, sondern etwas anderes: die Bereitschaft, jemanden genau anzusehen, auch wenn dir das Gefühl fehlt.

Ist es in Ordnung, einem Kollegen aus dem Weg zu gehen?

Kurzfristig ja, dauerhaft wird es teuer. In einer Tagebuchstudie über zehn Arbeitstage hing das Vermeiden von Interaktionen mit Erschöpfung am Abend zusammen und übertrug die schlechte Erfahrung sogar in den nächsten Tag. Der Umweg fühlt sich leichter an, als er ist.

Bleibt das zwischen mir und dem Kollegen, oder merkt das Team etwas?

Es bleibt nicht dabei. Eine unhöfliche Begegnung wird weitergereicht: Wer am Vormittag eine abbekommt, teilt am Nachmittag eher selbst aus, und zwar nicht gegen den Verursacher, sondern gegen die Nächstbesten. Gemessen wurde das über zwei Arbeitswochen. Die Begegnung mit dem einen kostet also auch die Leute, mit denen du gern arbeitest.

Wie merke ich, ob es Antipathie ist oder Mobbing?

Antipathie ist wechselseitig und unsystematisch: Ihr könnt euch nicht riechen, keiner verfolgt einen Plan. Mobbing ist gerichtet, wiederholt und zielt darauf, dich kleiner zu machen. Bei der zweiten Variante hilft keine Wahrnehmungsübung, sondern Dokumentation und eine zuständige Stelle.

Wie setze ich schwierigen Kollegen klare Grenzen?

Nicht mit einer Ansage über die Person, sondern mit einer über das Verhalten und seine Folge: „Wenn du mich im Meeting unterbrichst, komme ich nicht zu meinem Punkt. Ich möchte ausreden.” Klare Grenzen brauchen einen konkreten Anlass, einen ruhigen Zeitpunkt und die Bereitschaft, sie zu wiederholen. Bleibt es folgenlos, ist es kein Haltungsthema mehr. Dann gehört eine Führungskraft oder eine zuständige Stelle einbezogen. Wie das Schritt für Schritt geht, steht in Grenzen setzen.

Was mache ich, wenn ich beim Respekt-Scan nichts finde?

Dann bleib bei dem, was du gefunden hast, auch wenn es nur zwei Punkte sind. Eine erfundene Zeile schadet mehr als eine fehlende. Findest du gar nichts, ist das ein Signal: Entweder kennst du die Person kaum, oder es geht nicht mehr um Antipathie.

Soll ich dem Kollegen sagen, dass er mich nervt?

Nicht als Erstes. „Du nervst mich” ist eine Bewertung, auf die es keine gute Antwort gibt, und auch eine höflich verpackte Ich-Botschaft rettet sie nicht. Wenn ein konkretes Verhalten die Zusammenarbeit behindert, sprich das Verhalten an, nicht die Person, und tu es zu einem Zeitpunkt, an dem du nicht gerade genervt bist.


Dienstag, zehn Uhr

Dienstag, zehn Uhr. Derselbe Termin, derselbe Name, dasselbe Besprechungszimmer.

Er redet immer noch zu lang. Er sagt immer noch „grundsätzlich”. Was anders ist: Du hast am Montagabend nicht an den Dienstag gedacht.

Du musst ihn nicht mögen. Das war nie die Aufgabe.

Respekt ist nicht das Gefühl, das du für jemanden hast. Es ist die Genauigkeit, mit der du ihn ansiehst.

Der Respekt-Scan, die Arbeit passiert vor dem Gespräch und bleibt unsichtbar
Was du vorher aufgeschrieben hast, muss niemand sehen. Es reicht, dass du anders hinschaust.Visualisiert mit KI

Auf einen Blick

Wer mit einem Kollegen arbeiten muss, den er nicht mag, greift meist zu einer von zwei Strategien: ausweichen oder freundlich tun. In einer Tagebuchstudie mit 146 Beschäftigten über 986 Arbeitstage hingen beide mit Erschöpfung am Abend zusammen, und das Ausweichen übertrug die negative Erfahrung zusätzlich in den nächsten Tag. Der Respekt-Scan ist ein dritter Weg. Er setzt vor dem Gespräch an, bei der Wahrnehmung der Person, und lässt Verhalten und Miene unverändert. Konkret heißt das, vor dem nächsten Gespräch fünf Dinge aufzuschreiben, die du an der Person respektierst, ohne sie zu mögen, und im Gespräch nichts davon zu erwähnen. Entscheidend ist die Form der Sätze: Bleibt die Genervtheit im Satz stehen, ist es Oberflächenhandeln in Schriftform und kostet dieselbe Energie wie eine Fassade. Dass eine einzige unangenehme Person mehr Raum einnimmt als mehrere angenehme, wird in der Netzwerkforschung als negative Asymmetrie vorgeschlagen, ist aber nicht gemessen. Gemessen ist dagegen, dass die Kosten nicht bei dir aufhören: Wer eine unhöfliche Begegnung erlebt, teilt im Lauf desselben Tages eher selbst aus, und zwar nicht gegen den Verursacher, sondern gegen die nächsten Menschen im Weg. Die Grenze der Übung ist scharf: Sie gehört in die Zone der Antipathie, nicht gegen Mobbing, herabwürdigende Führung oder Belästigung. Dort braucht es Dokumentation und eine zuständige Stelle, keine bessere Wahrnehmung.


Weiterführende Quellen

Nesher Shoshan, Hadar; Koch, Theresa & Wehrt, Wilken (2024): Beyond surface and deep acting: investigating interaction avoidance in coworkers’ daily relationships and its consequences. Work & Stress. https://doi.org/10.1080/02678373.2024.2435676 Tagebuchstudie über zehn Arbeitstage, 146 Beschäftigte, 986 Tage. Führt die Interaktionsvermeidung als dritte Strategie neben Oberflächen- und Tiefenhandeln ein. Negative Erfahrungen mit Kollegen sagten das Vermeiden am Folgetag vorher, die Vermeidung hing mit abendlicher Erschöpfung zusammen und vermittelte den Zusammenhang zwischen negativer Erfahrung und Erschöpfung am nächsten Tag. Rückgrat des ersten Abschnitts.

Han, Soojung; Harold, Crystal M.; Oh, In-Sue; Kim, Joseph K. & Agolli, Anastasiia (2021): A meta-analysis integrating 20 years of workplace incivility research: Antecedents, consequences, and boundary conditions. Journal of Organizational Behavior. https://doi.org/10.1002/job.2568 Metaanalyse über 253 unabhängige Stichproben aus 219 Einzelstudien. Ordnet niedrigschwellige Unhöflichkeit gegenüber intensiveren Formen wie Mobbing, herabwürdigender Führung und Belästigung ein. Grundlage für die Grenzen-Tabelle. Die kursierende Zahl „98 Prozent erleben Unhöflichkeit” steht nicht in dieser Arbeit und wird hier bewusst nicht verwendet.

Rosen, Christopher C.; Koopman, Joel; Gabriel, Allison S. & Johnson, Russell E. (2016): Who strikes back? A daily investigation of when and why incivility begets incivility. Journal of Applied Psychology. https://doi.org/10.1037/apl0000140 Experience-Sampling-Studie über zwei Arbeitswochen mit mehreren Messungen pro Tag. Wer früher am Tag Unhöflichkeit erlebte, zeigte später am Tag selbst mehr unhöfliches Verhalten, gegenüber anderen, nicht zwingend gegenüber dem Verursacher. Grundlage für den Abschnitt zur Weitergabe. Einschränkung, die im Artikel ausdrücklich steht: Die Autoren erklären den Zusammenhang über nachlassende Selbstkontrolle (Ego-Depletion), eine Theorie mit bekannten Replikationsproblemen. Zitiert wird die gemessene Verhaltenskette, nicht der Erklärungsmechanismus. Nur über die Verlagsseite zugänglich, Abstract vollständig.

Andersson, Lynne M. & Pearson, Christine M. (1999): Tit for Tat? The Spiraling Effect of Incivility in the Workplace. Academy of Management Review 24(3), S. 452–471. https://doi.org/10.5465/amr.1999.2202131 Theoriebeitrag, keine empirische Messung. Führt den Begriff der Unhöflichkeit am Arbeitsplatz ein und beschreibt, wie sich niedrigschwellige, in der Absicht mehrdeutige Unfreundlichkeiten zu einer Spirale aufschaukeln können. Der meistzitierte Rahmen des Feldes und die Grundlage der Literatur, die Han et al. 2021 zusammenfassen. Im Artikel als Konzept benannt, nicht als Befund.

Labianca, Giuseppe & Brass, Daniel J. (2006): Exploring the Social Ledger: Negative Relationships and Negative Asymmetry in Social Networks in Organizations. Academy of Management Review 31(3), S. 596–614. https://doi.org/10.5465/amr.2006.21318920 Theoriebeitrag, keine empirische Messung. Die Autoren schlagen vor, dass negative Arbeitsbeziehungen mehr Erklärungskraft für betriebliche Ergebnisse haben als positive, und prägen dafür das Bild des sozialen Hauptbuchs. Grundlage für den Abschnitt zur negativen Asymmetrie.


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